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Dr.-Ing. Adnan Wahhoud

Dr.-Ing. Adnan Wahhoud

Textiltechnologe · Erfinder · Gründer der Medical Points

Geboren in Damaskus, beheimatet in Lindau — er verbindet syrische Wurzeln mit deutscher Ingenieurskunst und hat beides in den Dienst von Innovation und Hilfe gestellt.

Adnan Wahhoud am traditionellen Holzwebstuhl — das Handwerk seines Vaters bestimmte seine Kindheit.
1951 — 1971

Damaskus

Kindheit am Webstuhl in der Altstadt, eigene Werkstatt im Elternhaus, der Aufbruch mit dem Orient-Express.

Wahhoud bei der Forschung an einer experimentellen Webmaschine — Aachen, frühe 1980er Jahre.
1971 — 2013

Aachen & Lindau

Studium und Promotion an der RWTH, 27 Jahre Entwicklungsleitung bei DORNIER, über 60 Patente — und ein bewegender Besuch des alten Vaters.

Diplom, Promotion & erstes Patent

Seine Diplomarbeit am Institut für Textiltechnik (ITA) bei Prof. Dr. Lünenschloß behandelte den Schusseintrag durch Luftstrahl in Webmaschinen — Note „sehr gut“. Sie enthielt eine neuartige Ventil-Konstruktion: sein erstes Patent, das von der Firma Sulzer AG (Schweiz) übernommen wurde. Prof. Lünenschloß, in jenen Jahren einer der international führenden Wissenschaftler der Textiltechnik, nannte ihn einen „Vollblutweber“. 1983 wurde Wahhoud mit dem Förderpreis des Deutschen Textilmaschinenbaus der Walter-Reiners-Stiftung auf der ITMA in Mailand ausgezeichnet. 1987 erhielt er den Doktortitel — nach rund 30 wissenschaftlichen Publikationen in internationalen Fachzeitschriften.

Wirken bei Lindauer DORNIER

Im gleichen Jahr 1987 folgte Dr. Wahhoud dem Ruf nach Lindau und begann als Entwicklungsingenieur bei der Lindauer DORNIER GmbH. Bereits nach einem Jahr übernahm er die Leitung der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für die Luftdüsen-Webmaschine. 27 Jahre lang prägte er die Innovationsgeschichte des Unternehmens — bis zu seinem letzten Arbeitstag im Herbst 2013. Über 60 Erfindungen und Patente tragen seinen Namen. Unter seiner Federführung entstand die ORW-Technologie (Open Reed Weave). Auch in der Brockhaus Enzyklopädie ist er als Verfasser der textiltechnischen Fachbegriffe der 19. Auflage eingetragen.

Als Referent auf internationalen Tagungen — Prof. Lünenschloß (links) und Wahhoud (rechts) am Rednerpult. Lünenschloß wies stets darauf hin, dass „der Dank eigentlich dessen Vater in Damaskus gebühre“.
Als Referent auf internationalen Tagungen — Prof. Lünenschloß (links) und Wahhoud (rechts) am Rednerpult. Lünenschloß wies stets darauf hin, dass „der Dank eigentlich dessen Vater in Damaskus gebühre“.

Eine Brücke nach Damaskus

Schon Jahre vor dem Krieg arbeitete Wahhoud daran, sein Wissen an die alte Heimat zurückzugeben. 2002 vermittelte er die Spende einer modernen DORNIER-Webmaschine an die Zweite Industrieoberschule in Damaskus — jene Schule, an der er selbst 1970 das Abitur abgelegt hatte. Der syrische Bildungsminister Dr. Mahmoud Al-Sayyid bedankte sich in einem persönlichen Schreiben an die Lindauer Firma.

Schreiben des syrischen Bildungsministers, 11. März 2002
Schreiben des syrischen Bildungsministers, 11. März 2002
Die Wohnsiedlung Toubat aus der Luft — das „Dach über dem Kopf“-Projekt für 125 Familien mit Medical Point, Schule, Kindergarten und Wasserbrunnen.
2012 — heute

Verantwortung

Krieg im Heimatland, Ende 2012 die erste Reise — und seither über zwölf Jahre humanitäres Engagement mit vier Medical Points, Waisenhilfe für 119 Familien und der Wohnsiedlung Toubat in Salwa-Idlib.

Verantwortung für Syrien

„Ich habe in meinem Leben sehr viel für die Technik gemacht und jetzt möchte ich für die Menschen da sein.“ Eigentlich wollte Wahhoud seinen Ruhestand mit seiner Frau Hayat und seinen fünf Kindern genießen — doch dann brach in seinem Geburtsland der Krieg aus. Über Ende 2012 flog er mit seiner Frau, einer Lindauer Ärztin und 16 Koffern voller Medikamente das erste Mal in ein Flüchtlingslager an der türkisch-syrischen Grenze. Acht Tage Arbeit — der Beginn von über zwölf Jahren humanitärem Engagement. Heute betreut die „Lindauhilfe für Syrien“ vier aktive Medical Points, eine Waisenhilfe für 119 Familien mit 226 Kindern, drei Suppenküchen und die Wohnsiedlung Toubat in Salwa-Idlib. Eine Brücke zwischen zwei Welten.

Der Krieg trifft die eigene Familie

Auch Wahhouds eigene Familie blieb vom Krieg nicht verschont. Die Familien seiner fünf Geschwister lebten in Damaskus — die meisten sind inzwischen geflohen. Eine Handvoll seiner Neffen entzog sich dem Militärdienst und ging in die Türkei. Zwei Neffen sind seit mehr als drei Jahren spurlos verschwunden. Sein letzter Besuch in Damaskus war Weihnachten 2010 — „heute würde ich wie ein Verräter behandelt, weil ich Menschen helfe.“ Sein jüngster Bruder lebt noch im Elternhaus im Stadtzentrum.

Vorwort · Issam El-Attar

„Adnan Wahhoud ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie man sich abmüht und den Erfolg dafür erntet. Er ist Beispiel für Ausgeglichenheit in solch schweren Situationen, die nicht gerade dazu beitragen, dergleichen zu leisten, was er geleistet hat, und dahin zu gelangen, wohin er gelangt ist.“

„Adnan wuchs in einer armen Familie und in einem Umfeld einfacher Menschen ohne Schulausbildung auf, die es vorzogen, ihre Kinder nach der Pflichtgrundschule ein Handwerk erlernen zu lassen. So musste der junge Adnan, der die Liebe zum Wissen und den Willen zum Lernen besaß, darum kämpfen, dass ihm gestattet wurde, seine Ausbildung und sein Studium fortzusetzen — unter der Bedingung, dass er gleichzeitig einer Erwerbstätigkeit nachging, wie anstrengend und schwierig das auch sein mochte.“

„Doch Gott bescherte ihm, entsprechend seiner Absicht und seiner lauteren Gesinnung, eine gläubige, aufrichtige und kluge Frau. Sie teilte mit ihm das harte Leben und half ihm dabei, die Schwierigkeiten zu überwinden und seinen Weg fortzusetzen. So war sie ihm eine treffliche Ehefrau, eine vorzügliche Hausfrau und für seine Kinder eine gute Mutter.“

„Es muss an Adnan lobend hervorgehoben werden, dass er zu diesem hohen Grad an Wissen, Arbeit und Erfindungsgeist durch seine eigene Tüchtigkeit, sein Selbstvertrauen, seine Wahrhaftigkeit, seine Zuverlässigkeit und seine Aufrichtigkeit gelangt ist. Er hat weder Heuchelei noch Augendienerei, weder Opportunismus noch den Aufstieg auf den Schultern anderer gekannt.“

„In Adnan Wahhouds Leben ergänzen sich seine wissenschaftlichen, praktischen, religiösen, vaterländischen, gesellschaftlichen, brüderlichen und menschlichen Pflichten, wie zahlreich sie auch sein mögen. Keine davon vernachlässigt er. Dem Land Syrien und der Stadt Damaskus haben die deutschen Freunde unseres Wissenschaftlers eine Gefälligkeit erwiesen, indem sie den Vorschlag machten, dieser Lebensgeschichte den Titel ‚Ein Wissenschaftler aus Damaskus\u2018 zu geben.“

— Issam El-Attar

Lebensstationen

  1. 1951

    Geboren in Damaskus, Syrien

    Im Mai als sechstes von acht Kindern einer armen Weberfamilie geboren — in den Mauern der Altstadt.

  2. 1958

    Einschulung in Damaskus

    Ab dem vierten Schuljahr Klassenbester. Nachmittags hilft er drei Stunden am Webstuhl des Vaters.

  3. 1970

    Technisches Abitur

    Mit Schwerpunkt Textilherstellung. Eigene Werkstatt für Jacquardkarten im Elternhaus.

  4. 1971

    Mit dem Orient-Express nach Europa

    Am 8. Februar Aufbruch — fünf Tage über Istanbul, Sofia, Belgrad, Graz nach Wien. Startkapital 1.000 DM. Sprachkurs, dann RWTH Aachen.

  5. 1981

    Erstes europäisches Patent

    Eine Ventil-Konstruktion aus seiner Diplomarbeit wird von der Schweizer Sulzer AG übernommen.

  6. 1983

    Förderpreis Deutscher Textilmaschinenbau

    Walter-Reiners-Stiftung · Auszeichnung auf der ITMA in Mailand.

  7. 1987

    Promotion & Eintritt bei Lindauer DORNIER

    Doktortitel und gleichzeitiger Wechsel als Entwicklungsingenieur an den Bodensee.

  8. 2011

    Techtextil Innovation Prize

    Auszeichnung für die ORW-Technologie. Ein Jahr später verlässt die 10.000ste Luftwebmaschine das Werk.

  9. 2013

    Ruhestand & Gründung der Medical Points

    Eintritt in den Ruhestand bei Dornier — und sofortige Gründung der ersten Ambulanz in Khan Alassal.

  10. 2014/15

    Aktion „Jeder Bürger ein Euro“

    Landkreis Roth unter Landrat Herbert Eckstein finanziert den Medical Point „Abzemo-Roth“.

  11. 2017

    Giftgasanschlag Khan Shaikun

    Wahhoud ist 25km entfernt im Medical Point Fattiere, als der Anschlag geschieht — und sieht den Bombenkrater selbst.

  12. 2018

    Schule Blanta · 220 Kindern neue Schuhe

    Erweiterung der Hilfe auf Schulversorgung und Bildung.

  13. 2019

    Wohnsiedlung „Toubat“

    Baustart im Dezember 2019: „Dach über dem Kopf“-Projekt für 125 Familien — mit Medical Point, Schule, Kindergarten und Wasserbrunnen.

  14. 2020+

    Wohnsiedlung „Salwa“

    Mit Verein Wüstenkind e.V. entstehen Schule, Kindergarten mit 45 Kindern, Nähwerkstatt und MP Oberschwaben.

  15. Heute

    Aktiv für Syrien und Wissenschaft

    Reist alle zwei Monate über die Türkei nach Nordsyrien — zur Unterstützung der Medical Points und der Wohnsiedlungen.

Bilder aus seinem Leben

Alte Aufnahmen aus Adnan Wahhouds eigenem Bildbestand.